Yvette Kießling

Verwehrte Wege: Der Tropenzyklus Sansibar von Yvette Kießling
Viola Weigel

Yvette Kießling ist Malerin. In den letzten zehn Jahren hat sie sich auch intensiv mit den gestalterischen Möglichkeiten der grafischen Künste beschäftigt. Aus diesem parallelen Arbeiten und dem Eintauchen von einem ins andere Medium haben sich bemerkenswerte Wechselwirkungen ergeben, die in den letzten Jahren, insbesondere anhand ihrer Bildfolgen von Flussläufen und zuletzt des Sansibar-Zyklus 2017–2018, sichtbar geworden sind.

Charakteristisch ist für Kießlings Schaffen, dass sie mit ihrer Kunst in einer Bildtradition steht, die sich zwischen 1850 und 1900 entwickelt hat. Um 1900 wurden in den grafischen Künsten die Schnitt-, Kratz- und Ätztechniken von den Künstlern mit großem Erfolg wiederentdeckt, unter anderem im Expressionismus. Sie leiteten eine vertiefte künstlerische Beziehung mit der Natur ein, die zuvor die Impressionisten mit ihrer Pleinairmalerei entdeckt hatten. Wassily Kandinsky hob besonders die Farblithografie mit ihrem spontanen Duktus und Farbenreichtum gegenüber dem Linol- oder Holzschnitt als Technik hervor, die der pastosen Malerei und zugleich der direkten Zeichnung am nächsten steht. Gleichzeitig ist die Künstlerin in der Gegenwart verwurzelt, wenn sie etwa die nachmoderne Konstruiertheit ihrer Bildideen herausstellt. Ein gutes Beispiel ist ihr aktueller Sansibar-Zyklus, in dem sie eine neue Bildsprache findet, um unmittelbares Naturerlebnis mit kalkulierten Bildverfahren zu verbinden.
Yvette Kießling drängt es immer wieder dazu, vor und in der Natur zu malen. Dazu begibt sie sich mitten in ihre Sujets. Während sie ein Thema oder Motiv verfolgt, bleibt sie in ihren künstlerischen Ausführungen keinem System oder Plan unterworfen. Die Umgebung gibt den Rhythmus vor. Als Betrachter hat man den Eindruck, dass sie während des Malprozesses die Dynamik wechselt: Pinselstriche gehen mal wie grobe Peitschenhiebe durchs Bild, die auf halbem Weg stehen bleiben. Dann sind es genau gesetzte, federartige und strahlenförmige Linienbündel, die Blatt, Pflanze oder Baum definieren. Ihr offenes System malerischer Strukturen geht dem nach, was vor ihr ist: etwas, das sich zunächst als ungeordnete Gemengelage von dunkler, schwerer Erde und grüner, sich im Wind und Licht wiegender schillernder Pflanzen und Bäume unter kaum sichtbarem Himmel zeigt. Gleich einer Entdeckerin sucht die Malerin bildlich eine Bahn durch quer liegende Pflanzen, aufragende Äste und Wurzeln zu ziehen und baut eine Spannung zwischen dem Dickicht der tropischen Natur und den hellen Schneisen auf, die lange Lichtstrahlen ins Halbdunkel schneiden.
Den Ausgangspunkt dieser gemalten Werke bilden grafische Arbeiten. Der Jozani Forest, ein Regenwald aus Mangrovenbäumen, Palmen und Farnen auf der Insel Sansibar, inspirierte Yvette Kießling zu einem grafischen Projekt, das im Zuge ihrer beiden Aufenthalte auf Sansibar entstand. Auf Radierungen folgen Farblithografien. 2018 entwickelte sie den Grafikzyklus Sansibar mit 100 Unikatdrucken, der gewissermaßen, so erklärt sie, als Motivpool gestalterischer Möglichkeiten für die Malerei dient.

Die zunächst durch den Tuschepinsel spontane, dann im Steindruck langsame Entstehung eines Blatts in Etappen gewinnt erst im Druckverfahren ihre ungewöhnliche Dynamik. Durch das Übereinanderdrucken von bis zu fünf Schichten in verschiedenen Farben erreicht die Künstlerin einen Grad der motivischen Verschränkung, der ihrem Sujet „Regenwald“ auf schon fast ironische Weise gerecht wird. Denn die Tropenwelt, die in Ostafrika gar als Wiege der Menschheit gilt, gibt es so nicht mehr. Der Urwald mit dem sogenannten edlen Wilden existierte schon zu Gauguins Zeiten nicht mehr. Auch Sansibar kann nicht mehr als unangetastetes Paradies erlebt oder als Thoreaus „Walden“ interpretiert werden. Die Tropen sind einer geschützten, kulturhistorisch konstruierten Parklandschaft gewichen, die die Schlacken ihrer vielschichtigen Vergangenheit – Mythen, durchreisende Völker, Kolonialmächte, Zuwanderung und nicht zuletzt radikale Umwelteingriffe – mitführt. Indem Yvette Kießling in der Lithografie zahlreiche Kombinationen der Motive durchspielt und sich dabei immer wieder selbst an die Grenze des bildnerisch Möglichen bringt, greift sie dieses historisch multiple, ambivalente Konstrukt der tropischen Natur auf.

In ihrer Malerei stellt sie dieses explizit antiklassische Naturbild, das sich dem Betrachter nicht bereitwillig öffnen möchte, sondern sich seiner Wahrnehmung eher verschließt, sogar noch mehr heraus. Häufig erscheint der dargestellte Weg mit seinem feuchten Morast unpassierbar, den Betrachtern stellen sich Pflanzen in den Weg, der Durchblick zum Himmel ist verwehrt, sodass Braun, Grün und Rot eine gitterartige Wand bilden, die in manchen Werken keine optische Orientierung nach Oben oder Unten mehr kennt. Das generelle Thema in ihren Sansibar-Arbeiten, so zeigt sich, ist ein Naturbild, das sich gegen den befreienden Durchblick stemmt: Vor dem Blick türmt sich ein unüberschaubares Gelände, Dickicht, Gestrüpp auf, das sich zu einer zwar dichten, jedoch koloristisch sehr differenzierten Mauer aus über einem Dutzend Grüntönen aufbaut.
Die Undurchdringlichkeit des Urwaldes und die Unerschöpflichkeit seiner Grüntöne faszinierten bereits Maler wie Maurice de Vlaminck, Henri Rousseau oder aktuell Peter Doig und Anthony Gross, der für die Londoner Underground 2015 einen wuchernden digitalen Urwald schuf. In den ausgreifenden Armen der ungebremst wachsenden, farbintensiven Tropenpflanzen ist sowohl die Zuversicht als vielleicht auch die leise Drohung enthalten, dass diese die menschliche Zivilisation, den Großstadtdschungel, letztendlich überdauern werden.

Dr. Viola Weigel war zuletzt Leiterin der Kunsthalle Wilhelmshaven und stellte dort 2016 Kießlings Elbe-Zyklus erstmals aus. Seit 2018 ist sie Kustodin für die Sammlung Malerei und Plastik an den Kunstsammlungen Chemnitz.


Vita

1978 geboren in Ilmenau
1997 − 2003 Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig Klasse für Malerei bei Professor Arno Rink
2004 − 2007 Meisterschülerstudium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst bei Professor Arno Rink
2004 − 2008 Lehrtätigkeit an der Abendakademie der Hochschule für Grafik und Buchkunst
2006 Druckgrafikstipendium, Hohenossig
2007 Stipendium der Schulerstiftung, Wuppertal
2009 Eb-Dietsch-Preis, Kunstpreis der Geraer Bank, Gera Il Monte Analogo, Stipendium/ Kunstprojekt, Brenta Dolomiten, Italien
2010 Studienaufenthalt auf Island
2012 Steinwerk, Leipzig, Lithographiestipendium lebt und arbeitet in Leipzig


Ausstellungen

Solo (S) und Gruppenausstellungen (Auswahl):

2017

‚Malerei‘ (S), Kunstverein Hohenaschau, Aschau im Chiemgau
,uncover‘, Archiv Massiv, Spinnerei Leipzig
‚Swamp‘, Galerie Leuenroth, Frankfurt am Main
‚Elbe, Marokko, Sansibar‘ (S), Galerie Thaler, Leipzig

2016

‚Elbe_Labe‘ (S), Schloß Hartenfels, Torgau
‚maroc‘, Galerie ASPN, Leipzig
‚Elbe_Labe‘ (S), Galerie in der Stadtscheune, Otterndorf
‚Der Elbe-Zyklus‘ (S), Kunsthalle Wilhelmshaven
‚Les Miniatures‘, Galerie Nicole Gnesa, München

2015

‚Neon Kunstauktion‘, Kunsthaus Hamburg
‚20 Jahre Neuerwerbungen für die Grafische Sammlung‘, Kunsthalle Wilhelmshaven
‚Werkschau 2015‘, Leipziger Baumwollspinnerei, Leipzig
‚In guter Nachbarschaft‘, Museum der Bildenden Künste, Leipzig

2014

‚hin zur See’ (S), Galerie in der Stadtscheune, Otterndorf
‚ich komm mit Fisch zurück’ (S), Galerie Leuenroth, Frankfurt am Main
‚Alba’ (S), Museum Salzkirche, Tangermünde

2013

‚Landstriche’, Galerie Leuenroth, Frankfurt/M.
‚Du bist mein Spiegel’, Galerie Potemka, Leipzig
‚Vom Fluss’, Kunstraum Seilerstraße, Griffelkunst, Hamburg

2012

‚Wild Cat’, Zoologisches Museum Hamburg, mit Edgar Leciejewski und Jochen Plogsties
‚Palmendiebe’, Galerie Leuenroth, Frankfurt, mit Sebastian Burger
‚Delikatessen’, Stadtgalerie Altötting
‚Neuland in Stereo, Teil 2’, Galerie Tobias Naehring, Leipzig, mit Uta Reinhardt

2011

‚Altes Wasser’, Kunstverein Bitterfeld, Bitterfeld
‚res non naturales’, Galerie des Lithographischen Ateliers der Spinnerei Leipzig, Kunstverein Hohenaschau, mit Jörg Ernert und Andreas Wachter
‚Neuland in Stereo, Teil 1’, Galerie Gunzenhauser, München, mit Uta Reinhardt
‚Wandergruppe’, Kunstverein Leipzig, mit Friederike Jokisch, Ingo Garschke und Ondrej Drescher

2010

Jahresausstellung, Leipzig
‚Zapfen und Stäbchen’, Städtische Galerie Eichenmüllerhaus, Lemgo
Kunst am Bau, Ausgestaltung des Wartebereiches der Nuclearmedizin,
Uniklinik Leipzig, mit Friederike Jokisch

2009

‚Stadtauswärts’, Kunstverein Panitzsch, mit Nabil El Makhloufi und Katrin Landa
‚Spartenglück’, Kunst und Justiz, Staatsanwaltschaft Leipzig
‚Ohne mich Stehst du im Nichts’, Galerie Hafen und Rand, Hamburg
‚Malerei’, Kunstverein Hohenaschau, mit Petra Ottkowski

2008

‚Pampa’ (S), Raum Hellrot, Halle
‚Malerei’ (S), Galerie Casarte, Aschaffenburg

2007

‚Le Pays ou` l`on n`arrive jamais’, Galerie Antje Wachs, Berlin
‚Seit Leipzig. Malerei und Zeichnung’, Kunsthalle Wittenhagen
Jahresausstellung, Leipzig

2006

‚Mittelgebirge’, Galerie Hübner, Frankfurt mit Ingo Garschke, Friederike Jokisch und Ondrej Drescher
‚Spiegelungen’, Galerie Nicole Malmede, Köln

2005

‚Malerei’ (S), Galerie Hübner, Frankfurt